Projekt ICT 2018

Reisen – Schreiben – Fotografieren

IRON CURTAIN TRAIL – EUROVELO 13

Fast ein halbes Jahrhundert trennte der „Eiserne Vorhang“ (Iron Curtain) Europa in Ost und West. Die Mauer in Deutschland ist dieses Jahr solange weg, wie sie stand (am 05.02.2018 waren es 28 Jahre und 88 Tage). Anlässlich dieses Zirkeltages oder wie man scherzhafterweise in der Psychotherapie sagt „Bergfest“ (28 Jahre gesoffen – 28 Jahre trocken) werde ich diese Jahr auf dem ca. 9.000 km langen Radweg von der Barentssee (Nordkap) an das Schwarze Meer (Istanbul) mit dem Fahrrad fahren. Der Verlauf wird auf Website der EuroVelo 13 folgendermaßen beschrieben: Beginnend an der Barentssee verläuft der Rad- und Wanderweg entlang der norwegisch- und finnisch-russischen Grenze bis zur Ostsee und passiert die Küstenstreifen von Estland, Lettland, Litauen, Kaliningrad, Polen und der ehemaligen DDR. Von Lübeck bis zum sächsisch-bayrisch-tschechischen Dreiländereck folgt der Rad-Wanderweg dem ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen. Dann führt er über die Höhen des Böhmerwalds, vorbei an Mähren und der slowakischen Hauptstadt Bratislava, um bei Wien die Donau zu überqueren. Entlang der Südgrenze Ungarns führt der Weg über Slowenien, Kroatien und die Vojvodina. Zwischen Rumänien und Serbien folgt die Strecke weitgehend dem Lauf der Donau, um schließlich über Bulgarien, Mazedonien und Griechenland am nördlichsten Punkt der Türkei an der Schwarzmeerküste zu enden. Einer der Initiatoren und Wegbereiter für diese Projekt ist der deutsche Europaabgeordnete Michael Cramer.

Auch die Hin- und Rückfahrt wird mit dem Fahrrad gemacht, so dass ich auf ca. 16.000 km kommen werde. Wer Bergfest sagt, weiß auch, dass in Europa noch längst nicht alles in trockenen Tüchern ist und Europa dringend auf die Couch müsste. Wieder aufkommender Nationalismus von Finnland bis in die Türkei, die Gewissheit einiger, dass Identität durch Geburt und Nation definiert wird, der gruselige Aufstieg dieser menschen- und gesellschaftsverachtenden AfD in Deutschland, rückwärts-kleinkariertes Denken mit religiösen Anstrich sind evtl. nur die Vorboten einer neuen Zeit – einer schlechten Zeit. Es manifestiert sich heute ausgerechnet an dieser ehemaligen Grenze, die die Welt einst in vermeintlich Gut und Böse teilte. Mein Vater in Süddeutschland geboren und aufgewachsen in Cham (Oberpfalz) im Zonenrandgebiet (was für ein Wort). Meine Mutter in Birkenwerder bei Berlin (DDR). Mit 14 Jahren als „Flüchtling“ mit meiner Oma erst nach Berlin ins Notaufnahmelager (noch so ein Wort) Marienfelde und dann nach Würzburg ins Auffanglager Gartenstraße (es wird immer schlimmer mit den Wörtern) gekommen. Sie wohnte dort die ersten Jahre in einer Unterkunft, in der heute Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan etc. wohnen. In der selben Straße wohnte 1984 ein Klassenfreundin von mir, die aus Dresden „übersiedelte“ (klingt schon besser). Ihr einziger Wunsch war: „Bloß weg da!“ Ich – Geboren auf der „Guten Seite“ in Süddeutschland, Würzburg. Gewolltes und geplantes Akademikerkind mit dem Besten aus zwei Welten: Es gab zu Hause immer Buletten (keine Fleischküchlein, Frikadellen oder wie man das sonst nennt), manchmal wurde Berlinert, meine Oma sprach als feine Berliner Dame noch Französisch und natürlich die bayerische Gelassenheit meines Vaters (Biergartengemütlichkeit, die Uhren gehen hier anders, usw.). In mir schlummern somit preußische Tugenden und ein fränkischer Dickkopf – gefährlich Mischung! Ironie der Geschichte, ich habe somit einen Migrationshintergrund: Einen Migrationshintergrund hat nach UN-Definition derjenige, dessen (Ein-) Elternteil nach 1949 in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert ist. Tja, dumm gelaufen. Mein erster Kontakt mit dem Osten kam sehr früh. Du warst gegen Atomkraft: „Geh‘ doch rüber!“ 35-Stunden-Woche: „Geh‘ doch rüber!“ Klimawandel (hieß damals Waldsterben): Na wohin? Richtig „Geh‘ doch rüber!“ Heute haben wir bald die 28-Stundenwoche, der Atomausstieg ist auch beim letzten CSU-Stammtisch akzeptiert und es war weder der Untergang des Abendlandes noch gingen die Lichter aus.1987 war es soweit, ich machte rüber – nach Ost-Berlin. Was ich sah war Armut, alles Grau in Grau, städtebauliche Verwahrlosung und das Bier schmeckte fürchterlich. Dann kam die Wende und die Ossis kamen ins gelobte Land, in den goldenen Westen. Der Schock, das man auch hier für sein Geld arbeiten musste ließ nicht lange auf sich warten und so wuchs mehr schlecht als recht zusammen, was zusammen gehört. Und wieder eine Ironie der Geschichte: Die Mauer wurde im Osten „Antifaschistischer Schutzwall“ genannt, nur die Richtung war wohl nicht jedem klar. Heute wohne ich in Ost-Berlin. Ich wohne gerne hier. Berlin ist und bleibt die geilste Stadt der Welt und ich habe im Laufe meiner Wanderjahre viele Städte gesehen. Man kann also sagen, dass ich persönlich betroffen bin ohne wirklich betroffen zu sein. Motivation genug für ein solches Projekt.

Den gesamten ehemaligen Eisernen Vorhang mit dem Fahrrad abzufahren ist auch heute nicht ganz einfach. Für Russland braucht man ein Visum das nicht mal ebenso ausgestellt wird. Im Norden ist gibt es Mücken ohne Ende und es kann sogar im Sommer bitterkalt werden. Im Süden kann es bis in den Herbst hinein brutal heiß werden und freilaufende Hunde auf dem Balkan machen das Radlerleben nicht unbedingt einfacher. Beides habe ich schon 2013 auf meiner Ostseeumrundung und 2011 bei meiner Radtour nach Kairo erlebt. Ich sollte also wissen, worauf ich mich mit diesem Projekt einlasse. Der IRON CURTAIN TRAIL bietet also nicht nur kulturelle Vielfalt sondern auch Wetterextreme, unglaublich viele Höhenmeter, viel Natur da die vormaligen Speerzonen fast unberührt blieben oder als natürliche Grenzen (Ostsee, Flüsse) dienten, ca. 20 Länder (mit Hin- und Rückfahrt werden es etwas mehr werden), 48 UNESCO Stätten und drei europäische Meere. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich dieses Mammutprojekt in einer Saison abschließen kann. Wir werden sehen … Mitte März geht es los. Mit der Anfahrt über Südnorwegen habe ich mir nicht die leichteste Route ausgesucht, um zum Nordkap bzw. Kirkenes zu kommen. Nun weiß ich wohl, dass ich durch eine Fahrt entlang des Eisernen Vorhangs die noch offenen Fragen nicht beantworten kann; im beseelten Glauben für Demokratie und Freiheit. Ich kann sie aber beobachten, beschreiben, darüber schreiben, berichten, Gespräche sowie Interviews führen und in folgenden Vorträgen darüber mit Bilder erzählen. Ganz ehrlich, es war nie einfacher ohne Grenzkontrollen durch Europa zu fahren als heute (wenn man den richtigen Pass hat). So finde ich immer auch die schönsten Seiten, die coolsten Locations und die nettesten Menschen auf dieser Strecke. Für den, der in Teilung und Grenzkontrollen aufgewachsen und gereist ist, ist und bleibt Europa immer ein Superlativ! Ich freue mich auf die Natur in Norwegen, die Kunstausstellungen in Skandinavien, die Einsamkeit in Finnland (das meine ich ernst), die Ostseeküste in den baltischen Staaten, die Gastfreundschaft auf dem Balkan und das Schwarze Meer (da war ich noch nie!). Hoffentlich lässt es die politische Situation zu, Russland und die Türkei zu besuchen mit einem perfekten Abschluss über Athen nach Venedig mit einer Alpenüberquerung wieder gesund und an einem Stück in Berlin anzukommen.

Fast 9.000 km auf dem ICT

You only live once. Rock it!

Peter Kagerer

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